Erbrecht
Erbschein (Nachlasszeugnis): Definition, Verfahren und Zuständigkeit zur Erlangung
Dieser Beitrag untersucht die gesetzliche Definition des Erbscheins, seine Funktion beim Nachweis von Erbquoten sowie das Verfahren zu dessen Erlangung über einen Notar oder die Nachlassgerichte.

Erbschein (Nachlasszeugnis): Definition, Verfahren und Zuständigkeit
Der Erbschein, im türkischen Recht auch als Nachlasszeugnis (Veraset İlamı) bekannt, ist ein wesentliches amtliches Dokument, das die Rechtsstellung und die Erbquoten der Erben nach dem Tod des Erblassers (muris) bestimmt. Dieses Dokument ist für die Erben zwingend erforderlich, um über das zum Nachlass gehörende Vermögen des Erblassers, wie Bankkonten, Immobilien und Fahrzeuge, verfügen und Ansprüche gegenüber Dritten geltend machen zu können.
Nach den Bestimmungen des türkischen Zivilgesetzbuches (tZGB / TMK) geht das Erbrecht mit dem Tod des Erblassers kraft Gesetzes und ohne das Erfordernis eines rechtsbegründenden Aktes im Wege der Universalsukzession (Gesamtrechtsnachfolge gemäß Art. 599 tZGB) auf die Erben über. Gleichwohl muss diese Rechtsstellung formalisiert und durch Erlangung des Erbscheins nachgewiesen werden.
I. Was ist der Erbschein (Nachlasszeugnis)?
Der Erbschein ist eine von den zuständigen Behörden ausgestellte Urkunde, die ausweist, wer die Erben sind und wie hoch deren jeweilige Erbquoten am Nachlass sind. Es handelt sich um ein Dokument mit deklaratorischer (erklärender) Wirkung. Diese Urkunde begründet das Erbrecht nicht rechtsbegründend; sie dient vielmehr als Instrument, um das bereits bestehende Recht gegenüber Behörden und Dritten zu beweisen.
Die Definition und das Verfahren zur Erteilung des Erbscheins sind in Artikel 598 des türkischen Zivilgesetzbuches eindeutig geregelt. Der Gesetzestext lautet wie folgt:
Artikel 598 des türkischen Zivilgesetzbuches:
„Auf Antrag wird den Personen, die als gesetzliche Erben festgestellt wurden, vom Friedensgericht (Sulh Hukuk Mahkemesi) oder von einem Notar eine Bescheinigung über ihre Erberechtigung ausgestellt.
...
Die Unrichtigkeit des Erbscheins kann jederzeit geltend gemacht werden. Das Recht zur Erhebung einer Klage auf Ungültigkeitserklärung einer letztwilligen Verfügung bleibt vorbehalten.“
Gemäß diesem Artikel besteht die Hauptfunktion des Nachlasszeugnisses darin, die Rechtsstellung sowohl der gesetzlichen als auch der eingesetzten Erben amtlich festzustellen. Da die Urkunde rein deklaratorischer Natur ist, kann ihre Unrichtigkeit jederzeit geltend gemacht und im Wege einer Anfechtungs- bzw. Nichtigkeitsklage angegriffen werden.
II. Zweck des Erbscheins und Antragsberechtigung
Der Erbschein ist nicht nur für die interne Auseinandersetzung unter den Miterben, sondern auch für die Umschreibung und Sicherung der Nachlassgegenstände unerlässlich. Grundbuchämter, Banken und andere Finanzinstitute verlangen dieses Dokument zwingend, bevor Verfügungen über Vermögenswerte des Erblassers vorgenommen werden können. Darüber hinaus ist der Erbschein erforderlich, um die Erbeneigenschaft nachzuweisen, bevor erbliche Streitigkeiten wie die Klage auf Aufhebung der Erbengemeinschaft (izale-i şüyu), Klagen wegen erblasserischer Scheingeschäfte (muris muvazaası) oder Herabsetzungsklagen (tenkis) rechtshängig gemacht werden.
A. Antragsberechtigte Personen
Die Personen, die den Erbschein beantragen können, lassen sich in zwei Hauptkategorien einteilen:
Gesetzliche und eingesetzte Erben: Personen, die nach den Vorschriften des tZGB gesetzliche Erben sind (Blutsverwandte, der überlebende Ehegatte, Adoptivkinder), sowie Personen, die durch eine letztwillige Verfügung (Testament oder Erbvertrag) des Erblassers als eingesetzte Erben bestimmt wurden.
Gläubiger und sonstige Berechtigte: Gläubiger, die Ansprüche gegen den Erblasser haben und diese gegenüber den Erben geltend machen müssen (Begründung der Passivlegitimation oder husumet), können ebenfalls die Erteilung des Nachlasszeugnisses gerichtlich beantragen.
B. Erforderliche Antragsdokumente
Zur Gewährleistung eines zügigen Verfahrensablaufs wird dringend empfohlen, folgende Unterlagen vor der Antragstellung vorzubereiten:
Die Sterbeurkunde des Erblassers.
Amtliche Personenstandsregisterauszüge (Nüfus Kayıt Örnekleri), die das lückenlose Verwandtschaftsverhältnis zwischen dem Erblasser und den Erben belegen (in der Regel über das e-Devlet-Portal oder das zuständige Personenstandsamt erhältlich).
Eine Kopie des Ausweisdokuments des antragstellenden Erben.
Die Antragsschrift für das Nachlasszeugnis (zwingend erforderlich bei gerichtlichen Anträgen).
III. Verfahren und Zuständigkeit bei der Erteilung des Erbscheins
Nach türkischem Recht kann der Erbschein über zwei zuständige Stellen erlangt werden: das Notariat und die Zivilfriedensgerichte (Sulh Hukuk Mahkemesi).
A. Erteilung durch das Notariat
Durch die Übertragung der Zuständigkeit auf die Notariate wurde für die Erben ein einfacheres und schnelleres Verfahren zur Erlangung des Erbscheins geschaffen. Die Erben können den Antrag unter Vorlage der erforderlichen Unterlagen bei jedem beliebigen Notar stellen.
Die notarielle Befugnis zur Ausstellung ist jedoch sachlich begrenzt. Notare dürfen den Erbschein nur dann erteilen, wenn die Erbrechtslage eindeutig und unbestritten ist und sich das Verwandtschaftsverhältnis zweifelsfrei aus den amtlichen Registern ergibt.
Wesentliche Ausschlussgründe für eine notarielle Erteilung:
Notare sind bei der Prüfung auf die Daten des zentralen Personenstandsregisters gemäß Gesetz Nr. 5490 beschränkt. In komplexen Sachverhalten ist eine notarielle Erteilung ausgeschlossen und die Erben müssen an das Gericht verwiesen werden:
Fälle, in denen das Verwandtschaftsverhältnis aus den Personenstandsregistern nicht zweifelsfrei hervorgeht (z. B. bei lückenhaften oder fehlerhaften Eintragungen).
Das Vorliegen einer letztwilligen Verfügung (Testament oder Erbvertrag) des Erblassers. Da dies die gesetzliche Erbfolge beeinflusst, ist eine gerichtliche Sachverhaltsaufklärung erforderlich.
Fälle mit Auslandsbezug, bei denen sich ausländische Staatsangehörige unter den Erben befinden.
Sachverhalte, die eine weitergehende Beweisaufnahme wie die Einholung von Sachverständigengutachten oder Zeugenvernehmungen erfordern, um das Erbrecht festzustellen.
In diesen Konstellationen müssen die Erben den Rechtsweg beschreiten, um einen Rechtsverlust abzuwenden, selbst wenn bereits eine notarielle Ablehnung ergangen ist.
B. Erteilung durch Antrag beim Friedensgericht
In den Fällen, in denen eine notarielle Erteilung ausgeschlossen ist oder Streitigkeiten unter den Erben bestehen, muss der Erbschein beim zuständigen Friedensgericht beantragt werden. Dieses Verfahren richtet sich nach den Vorschriften der freiwilligen Gerichtsbarkeit gemäß der türkischen Zivilprozessordnung (HMK Gesetz Nr. 6100).
Sachliche und örtliche Zuständigkeit:
Die Zuständigkeit für das Verfahren zur Erteilung des Erbscheins bestimmt sich nach Art. 598 tZGB und Art. 383 HMK:
Sachliche Zuständigkeit (Görevli Mahkeme): Zuständig für die Erteilung des Erbscheins im Wege der freiwilligen Gerichtsbarkeit sind die Zivilfriedensgerichte (Sulh Hukuk Mahkemesi).
Örtliche Zuständigkeit (Yetkili Mahkeme): Gemäß Art. 11 HMK ist das Friedensgericht am letzten Wohnsitz des Erblassers oder das Friedensgericht am Wohnsitz eines der Erben örtlich zuständig.
Das Gericht prüft nach Antragstellung die erforderlichen Personenstandsregister sowie das Vorhandensein von Testamenten von Amts wegen (res'en) und würdigt alle Beweise, um die Identität der Erben und deren Erbquoten rechtskräftig festzustellen und den Erbschein zu erteilen.
IV. Fazit und Handlungsempfehlungen
Der Erbschein (Nachlasszeugnis) bildet den Ausgangspunkt für sämtliche erbrechtlichen Auseinandersetzungen und Abwicklungen und dient als unverzichtbarer Nachweis der Erbenstellung. Obwohl sowohl die Notariate als auch die Zivilfriedensgerichte zuständig sind, wird im Alltag aufgrund der Schnelligkeit primär der notarielle Weg gewählt. Bei komplexen Rechtslagen ist die Durchführung eines gerichtlichen Verfahrens jedoch unvermeidlich.
Da das gerichtliche Verfahren – obgleich der freiwilligen Gerichtsbarkeit zugeordnet – die genaue Beachtung formeller und materieller Verfahrensvorschriften erfordert und streitige Folgeverfahren (wie Anfechtungsklagen) nach sich ziehen kann, wird dringend die Hinzuziehung eines fachkundigen Rechtsanwalts für Erbrechtsfragen empfohlen. Eine professionelle rechtliche Vertretung ist unerlässlich, um Rechtsverluste auszuschließen und eine ordnungsgemäße, zügige und rechtssichere Abwicklung zu gewährleisten.
Haftungsausschluss
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